Sonntag, 18. September 2016

VERBORGENE SCHÄTZE

Ankunft am Bahnhof Bad Ems, mit dem Zug zwei Fahrtstunden von Frankfurt entfernt, vorbei an malerischen Schlössern, Weinbergen und den Strömen des Rheins, der Mosel und der Lahn.

Das Gebäude steht unter Denkmalschutz, ein Schild weist in Richtung „City“, eine goldene Platte verweist auf den ehemaligen „Fürstenempfangssaal“. Die Bahnhofshalle des sogenannten Fürstenbahnhofs gilt trotz ihres großen Namens als die kleinste im Netz der Deutschen Bahn. Ihre Entstehung verdankt sie der hohen Bedeutung von Bad Ems als Kurbad in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.


Kurstadt Bad Ems


Weitere Tafeln zieren die Straßen der Häuser in unmittelbarer Bahnhofsnähe. Hier wohnte Dostojeweski, dort Paganini, an jener Stelle Wagner, in der Nähe von Franz Liszt - und das berühmte Grand Hotel neben dem imperialen Bad beherbergte vom russischen Zaren über den Deutschen Kaiser eine nicht enden wollende Zahl von Prominenten diverser Jahrzehnte.

Ein Künstler dessen Bezug zur Kurstadt Bad Ems in den vergangenen Jahren besondere Aufmerksamkeit erfährt, ist Jacques Offenbach.  Er wirkte hier von 1858 bis 1870 als Theaterleiter, Kapellmeister, Regisseur und Komponist im noch heute erhaltenen Kurtheater der Stadt.


Jacques Offenbach Promenade an der Lahn

Die ansässige Jacques Offenbach Gesellschaft bemüht sich um die Pflege und wissenschaftliche Aufarbeitung der Werke des Komponisten und setzt sich mit großem Einsatz auch für die Aufführung heute vergessener Meisterwerke ein. Ein Werk, das zweifellos zu dieser Gattung gehört, ist „Les Bergers“, das am 10. September 2016 in einer Inszenierung der aus Bad Ems stammenden international tätigen Regisseurin Annegret Ritzel zu seiner höchst erfolgreichen deutschen Erstaufführung gelangte. Wir sprachen mit ihr über die Arbeit am wiederentdeckten Stück und ihrer Beziehung zur Kulturstadt Bad Ems:

Wie kam es zu der Produktion des unbekannten Werkes „Die Schäfer/Les Bergers“?

Annegret Ritzel: Das Ziel der Offenbach Gesellschaft mit Sitz in Bad Ems ist, möglichst viele unbekannte Werke von ihm aufzuführen. Der Leiter der Gesellschaft, Dr. Ralph Patocka, hat mich auf dieses Stück hingewiesen.


Annegret Ritzel vor der Premiere


Was macht „Die Schäfer“ in Ihren Augen zu einem Meisterwerk? Wodurch zeichnet sich das Stück aus?

Annegret Ritzel: Die Wahl des Stoffes, nämlich die Betrachtung der Liebe in verschiedenen Jahrhunderten, also von der idealen Liebe im Schäfer-Arkadien Griechenlands über die Dekadenz zur Zeit von Ludwig dem XV. bis hin zum Abstieg der Liebe als reinem Geldgeschäft in der Neuzeit, ist ein absolutes Alleinstellungsmerkmal in der Musikgeschichte. Zudem hat Offenbach hier in drei Stilen komponiert: Der 1. Akt ist der Stil der Opera seria, der 2. Akt der der Opera comique und der 3. Akt der opera Bouffe. Offenbachs Musik hat über weite Strecken normativen Charakter. Das heißt, die Musik gibt die Szene vor. Das ist auch so bei Mozart. Man muss als Regisseur nur ganz einfach der Musik folgen und schon ist eine Szene da. Man kann sich richtiggehend auf ihn verlassen.
Das ist ganz anders bei Verdi und Bellini/Donizetti. Wagner ist mal so, mal so.


Nataliia Ulasevych

Wie gestalteten sich die Proben zwischen Wien und Bad Ems?

Annegret Ritzel: Wir haben mit den Studenten der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien gearbeitet und nur die Endproben in Bad Ems gemacht.

Dominik Söns und Melanie Wurzer


Sie selbst stammen aus Bad Ems. Wie hat sich die Stadt in Ihren Augen im Laufe der Zeit entwickelt?

Annegret Ritzel: Vom pompösen Kaiserbad anno dazumal zu einer kleinen, hübschen Urlauberstadt, in der die Urlauber fehlen. Wir versuchen mit Kultur die Stadt aufzuwerten, was aber sehr schwer ist.

Annegret Ritzel während einer Probe in Bad Ems

Was wünschen Sie der geschichtsträchtigen Stadt Bad Ems für die Zukunft?

Annegret Ritzel: Es steht ja zur Debatte, dass Bad Ems Kulturhauptstadt werden soll. Ich glaube noch nicht so recht daran, aber das würde natürlich der Stadt großen Auftrieb verleihen, was sie eigentlich verdient hätte.



Finale "Die Schäfer"


Präsentiert wurde die Produktion im Rahmen des Festivals-gegen-den-Strom, an welchem Annegret Ritzel seit einigen Jahren beteiligt ist. Das Festival, das seinen Titel durch die Legende des Heiligen Lubentius fand, dessen Leichnam von der Mosel aus auf dem Wasser lahnaufwärts - gegen den Strom - bis nach Dietkirchen gelangt sein soll, vereint Gemeinden zwischen Lahnstein und Diez. Initiator ist der engagierte Geschäftsmann Diethelm Gresch, der das Festival ins Leben rief und dessen Begeisterung für die zahlreichen kulturellen und historischen Stätten der Region keine Grenzen kennt: „Wir haben wundervolle Schauplätze zwischen Lahnstein und Diez: Burgen, Kirchen, das Steinsche Schloss in Nassau, Kloster Arnstein, das Kurtheater und den Marmorsaal Bad Ems, Häckers Grandhotel und das Leifheit-Kulturhaus in Nassau.“ 


Festivalleiter Diethelm Gresch

Unermüdlich setzt sich Diethelm Gresch für die Belebung jener historischen Orte durch ein breit gefächertes Programm ein, kennt Anekdoten und Geschichten und weiß prominente Künstler wie Festivalgäste gleichermaßen zu begeistern, wobei auch die Jugendförderung durch integrative Projekte und Meisterklassen nicht zu kurz kommt. Durch vielseitige künstlerisch hochwertige Beiträge von der Musik über bildende Kunst, Schauspiel, Philosophie, Literatur und Tanz, sollen unterschiedliche Publikumsschichten angesprochen werden. Sommerbälle und musische Feste runden das Programm ab und laden zum Mitmachen ein. Zu Beginn der Initiative galt es gewisse Hürden zu überwinden, doch die anfängliche Skepsis ist nach acht Jahren einem gewissen Wohlwollen gewichen, bemerkt Diethelm Gresch. Für die Zukunft wünscht er sich, dass Bad Ems zum Weltkulturerbe erklärt würde.

Kurtheater Bad Ems - Offenbachs Wirkungsstätte


Ein wenig wie in einem Märchenschlaf wirkt die kleine Stadt Bad Ems an einem Sonntag Morgen. Wenige Menschen sind auf der sonnigen Promenade zu finden, die in vergangenen Zeiten als mondänes Kurzentrum hunderte Menschen aus allen Himmelsrichtungen anzog. Dass das Städtchen so viele Künstler anlockte, ist nach einem kurzen Blick in die imperial gesellschaftliche Vergangenheit dieses Ortes nicht mehr verwunderlich. Das Kurtheater, der Marmorsaal, die herrschaftlichen Gebäude wie das Schoss Balmoral, das Grand Hotel und das kaiserliche Bad sind Zeugen dieses alten Glanzes. Sie bilden eine Kulisse, die einem aufwendigen Historienfilm entsprungen sein könnte.


Grand Hotel Häcker


Marmorsaal im Staatsbad


Über die Offenbach Promenade vorbei an all den Gedenktafeln kommt der Reisende auf seinem Weg auch an einem kleinen Antiquitätengeschäft vorbei, das den Titel „Schatzkiste an der Lahn" trägt. 
Bereits nach einem kurzen Besuch wünscht man sich an diesen Ort wieder zu kehren und mehr in jener Schatzkiste zu graben. Im Wasser der Lahn spiegelt sich der Glanz vergangener Zeiten, doch der Mut neuer Kulturschaffender verspricht mehr als Nostalgie und Sehnsucht nach der guten alten Kaiserzeit. Das Festival gegen den Strom hat noch viel vor, möge die fürstliche Empfangshalle zukünftig alle jene Besucher empfangen, die Neugier verspüren, einzutauchen und die eine oder andere Perle zu entdecken, die hier - gegen den Strom der Zeit - zu finden ist.


Weiterführende Links:
http://www.festival-gegen-den-strom.de/


"Die Schäfer" während der Offenbach Tage des Festivals-gegen-den-Strom:

Komische Oper in 3 Akten von Jacques Offenbach
Text von Hector Crémieux und Philippe Gilles, Deutsch von Ralph-Günther Patocka

Musikalische Leitung: Felix Barsky
Inszenierung: Annegret Ritzel
Kostüme: Gera Graf

Eros/Intendant/Jeannet: Anna-Sophie Kostal
Myriam/Colin/Nicot: Dominik Söns
Daphne/Annette/La Rouge: Melanie Wurzer
Chrysäa/Marquise/La Sincère: Ghazal Kug
Palämon/Marquis/Vautendon: Michael Feigl
Alphesibé/Amtmann/Le Menu: Nataliia Ulasevych


Die Produktion "Die Schäfer" des Festivals-gegen-den-Strom 2016 in der Inszenierung von Annegret Ritzel kann für Gastspiele gebucht werden.  Ausstattung und Bühnenumsetzung sind tourneegerecht transportier- und flexibel einsetzbar.
Für Preise, Demomaterial und weitere Informationen kontaktieren Sie uns bitte unter office@kundkwien.com oder +43 1 4063365.





P.R.Klose, Kapfenstein, September 2016




Freitag, 13. Mai 2016

DIE WANDERER

"Die Wanderer" is a new concert project featuring unkown pieces by Salomon Sulzer. The project - building bridges between classic Viennese and traditional Jewish music, and between Palestinian, Jewish and International musicians - refers to a well known song written by Franz Schubert and world premiered by cantor Salomon Sulzer in the early 19th century. 

Project "Die Wanderer"


Salomon Sulzer, the Hohenems born chief cantor of the Vienna main synagogue after 1826, was  famous for his fantastic baritone voice. Artists like Franz Liszt, Giacomo Meyerbeer, Robert Schumann and Niccolo Paganini travelled to Vienna only to hear him and praised his exceptional voice and performance. But Salomon Sulzer was also an important composer of his period and the mentor of modern cantorial music.
Bust of Salomon Sulzer

The project has been developed by the Jewish Museum Hohehenems in cooperation with K und K Wien - agency for artists and international projects, and will be presented in partnership with the Hamakom Nestroyhof Theatre in Vienna and the Austrian Hospice in the Old City of Jerusalem. 

The aim of the organizers is to revive Salomon Sulzer's wonderful creations and to present them to a wider audience. The concerts which will take place in Hohenems, Vienna and Jerusalem will involve an ensemble of Austrian, Canadian, Finnish, German and Israeli musicians as well as four extremely gifted young Palestinian voice students.

Rehearsals at the Austrian Hospice in Jerusalem

Rehearsals started in Jerusalem in March 2016 at the Austrian Hospice Academy where the four impressive Palestinian talents were coached by Austrian alto Veronika Dünser and pianist Karl Kronthaler.  
Musical director of the program is Prof.  Lorne Richstone, a prestigious expert in his field who has rediscovered and edited much of Salomon Sulzer’s repertoire. 

Prof. Lorne Richstone

Among the presented pieces are also creations of Salomon Sulzer's sons, Joseph and Julius Sulzer, both renowned artists and composers in Vienna and abroad at their time. Joseph Sulzer was a demanded violoncellist. A selection of his compositions which are unheard in today's music world will be presented by Finnish cellist Liina Leijala.

Liina Leijala
  
Salomon Sulzer was known to be a friend of Franz Schubert. He not only world premiered a big number of Franz Schubert's pieces for baritone, the two composer friends set the same poems to music and quoted each other musically in their creations. Art songs will therefore be a big part of the program interpreted by soprano Shira Karmon.

Shira Karmon
"Die Wanderer" (German for "The Wayfarers") will be performed for the first time at the Salomon Sulzer Hall, a former synagogue in Sulzer's birthtown Hohenems, on June 25th 2016.
The second concert will take  place at the Hamakom Theatre, a historic artdecco building and former Jewish Theatre of Vienna on June 28th 2016. A third performance is planned in Jerusalem in autumn 2016. And hopefully this rediscovery of Sulzer repertoire will lead to more concert performances around the world....


Links to the project and organizing partners:
Links to participating artists:

More information about Salomon Sulzer:

The project is supported by the Cultural Section of the Gouvernment of Vorarlberg.
The organizers still look for sponsors to realize future performances in different locations. Interested donators are able to support the unique artistic project through an amount from 10 EUR to 100 EUR on the following site: 
 
If you would like to support the project through an individual amount or a bank transfer, the Wanderer-Team would be greatful if you would please kindly send your donation to the following bank account of the Jewish Museum Hohenems:

IBAN: At732060200200049971 - BIC: DOSPAT2D - Purpose: "Die Wanderer"



P.R.Klose, Vienna, May 2016



Mittwoch, 10. Februar 2016

MASAAR HUBB - PATH OF LOVE

Oud und Cembalo, eine höchst seltene, eigenwillige Kombination. Und doch überraschen und begegnen sich diese beiden Instrumente in einem reizvoll faszinierenden musikalischen Dialog, der uns in andalusische Duftgärten und zu arabischen Wüstenschlössern lockt, aber auch in die barocken Klangwelten von Johann Sebastian Bach und Francois Couperin eintauchen lässt.

Paul Gulda und Marwan Abado

Der in einem Flüchtlingslager im Libanon geborene palästinensische Musiker Marwan Abado, ist heute ein international tätiger Oud-Spieler und Komponist, der immer wieder den Brückenschlag zwischen Orient und Okzident sucht.    K und K Wien sprach mit dem in Wien lebenden Künstler über «Masaar Hubb - Path of Love«, ein außergewöhnliches neues Duo-Programm, das er gemeinsam mit dem renommierten Pianisten Paul Gulda entwickelt und kürzlich auch auf CD präsentiert hat.

Wie entstand die Idee zu "Path of Love“?

Marwan Abado: Die Idee von “Path of Love” entstand durch die gemeinsamen musikalischen Auftritte mit meinem Kollegen und Freund Paul Gulda. Die ersten Duo-Konzerte trugen den Titel “Von Bach bis Beirut”, ein lustiger Titel, der uns allerdings musikalisch ein wenig einengte. Unsere Musik, hat eher einen kammermusikalischen Klang, der von unserem jeweiligen ganz persönlichen Stil geprägt wird und von Hingebung, Leidenschaft sowie gegenseitigem Respekt getragen wird. So begann unsere Reise auf dem Pfad der Liebe durch unsere vielfältigen musikalischen Welten.

Könnten Sie uns ein wenig über Ihre Inspirationen zu den neuen Kompositionen erzählen?

Marwan Abado: Cembalo und Oud sind selten in Kombination anzutreffen. Der harmonische Klang beider Instrumente, wo zuweilen beim Zuhören nicht schnell erkennbar ist, welches Instrument jetzt spielt, motivierte uns musikalisch sehr. Das erste Konzert fand in einer Kappelle statt und ab dem Zeitpunkt war uns beiden klar: es wird eine lustige und lange Reise werden. Wir haben beide musikalische Kompositionen ausgewählt, die uns persönlich tief berühren und bei welchen wir das Gefühl hatten, der Klang des anderen Instruments fügt diesen Stücken eine neue inspirierende Dimension hinzu, das Cembalo verführt arabische Melodien in westliche polyphone Welten und die Oud “Bachische” Präludien in die orientalische Musikform.  

Wie sind die ersten gemeinsamen Proben zu jenen neuen Werken verlaufen, beziehungsweise wie darf man sich generell Ihr gemeinsames musikalisches Herantasten an neue Stücke vorstellen?

Marwan Abado: Das erste Kennenlernen, sowie die ersten Konzerte brachten viel Freude mit sich. Wir haben beide eine gegenseitige unaufhaltsame Neugier, die uns motiviert und inspiriert, neue musikalische Themen gemeinsam zu tragen. Inzwischen ist über das Herantasten eine musikalische Vertrautheit herangewachsen. Eine Art Musik, die schwer zu entmischen ist.

Paul Gulda und Marwan Abado

Wie würden Sie Ihre gemeinsame Klangsprache beschreiben?

Marwan Abado: Unsere Klangsprache hat reichlich viele Saiten. Der Klang dieser Saiten einmal zu verschmelzen und ein anderes mal zu trennen, verleiht unserer Klangsprache eine besondere Note.

Können Sie einige Worte zu den Texten sagen, die Sie ausgewählt beziehungsweise geschrieben haben?

Marwan Abado: Alle Texte beschreiben Wege der Liebe aus unterschiedlichen Perspektiven.  Zwei Texte sind von zwei Dichtern, die völlig konträr in der poetischen Sprache sind. Shawki Abi Shakra, ein libanesischer Surrealist, der Exil als Schifahren bezeichnet. Ali Ben Tamim, ein emiratischer klassischer Dichter, der über das Weitergehen Zuflucht vor Verbrennungen sucht. Ich persönlich besinge einen Traum, der auf seinen Träumer wartet und ein Regenlied, das Frieden für den Nahen Osten herbeiwünscht. 


Wer Lust bekommen hat, jene Klangträume und das unvergleichliche Zusammenspiel von arabischer Laute und Cembalo persönlich zu entdecken und dabei Marwan Abados und Paul Guldas einzigartigem musikalischem "Pfad der Liebe" zu folgen, dem empfehlen wir die soeben bei Gramola erschienene CD "Masaar Hubb - Path of Love". Über kommende Konzerttermine des Duos informieren wir Sie gerne über unseren Newsletter, den Sie mit einer kurzen Email an presse@kundkwien.com (Betreff: Newletter) abonnieren können.



"Path of Love" soeben erschieben bei Gramola Records

  

Weiterführende Links:



Fotos: Sylvia Grossmann


P.R.Klose, Wien, Februar 2016

Freitag, 15. Januar 2016

HAND IN HAND - EIN LIEDERABEND ENTSTEHT



Shakespeares Worte „Hand in hand, with fairy grace, we will sing and bless this place.“ waren das Motto eines Liederabends, den Kammersängerin Gabriele Fontana mit ihren Studenten des Instituts für Gesang und Musiktheater der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien am 14. Januar 2016 im zauberhaften Rahmen des alten Schönbrunner Schlosstheaters gestaltete.


Schönbrunner Schlosstheater


Im Jahr 2007 gewann die Wiener Musikhochschule die international renommierte österreichische Opern- und Konzertsängerin Gabriele Fontana als Professorin für Lied und Oratorium, wo sie seither nicht nur durch ihre höchst erfolgreichen Studienabgänger, sondern auch immer wieder durch außergewöhnliche, kreativ und gefühlvoll gestaltete Liederabende auf sich aufmerksam macht.

Wir sprachen mit Gabriele Fontana über Vorbereitungen und Stückauswahl und beobachteten die jungen Künstler bei ihren Proben und Auftritten im imperialen Ambiente jenes Theaters, das einst von Kaiserin Maria Theresia als eines der ersten Schlosstheater Europas erbaut wurde.
„Im Prinzip beginnen die Vorbereitungen mit meiner Planung im Kopf zu Beginn des Semesters, welches Repertoire für welchen Sänger das Passendste wäre. Dies ist abhängig von einem Grundthema wie in diesem Fall Shakespeare“, erklärt uns Gabriele Fontana. Sehr oft spielen aber natürlich auch praktische Gründe wie die Prüfungen und Wettbewerbe der einzelnen Studierenden eine Rolle bei der Planung und Organisation.

Anlässlich des 400. Todestags von William Shakespeare sollte sich dieses Mal alles um die Werke des größten Bühnendichters der Geschichte drehen. Und was lag näher, als für eine solche Veranstaltung, Studierende des benachbarten Max Reinhardt Seminars zur Mitwirkung einzuladen. Eine Premiere, die von Gabriele Fontana initiiert wurde.
In Folge ging es für Gabriele Fontana an die konkrete Konzeption des Abends: „Ich habe im gesamten Repertoire nach bekannten und unbekannteren Vertonungen geforscht - auch Duette und Ensemble-Vertonungen und in diesem Jahr auch nach Texten, die zum 1. Mal von Schauspielern des Max Reinhardt Seminars vorgetragen werden. Daraus ergibt sich dann ein Ablauf, der dramaturgisch auch zusammenpasst: zum Beispiel Richard Strauss‘ Ophelia Lieder gepaart mit dem Monolog der Gertrud über den Tod der Ophelia aus "Hamlet" und ein Duett: "Komm herbei Tod" aus "Was ihr wollt"!
Das Programm beinhaltet auch Werke der zeitgenössischen britischen Komponistin Cecilia McDowall. Auf die im deutschen Sprachraum leider noch nicht bekannte Komponistin, die durch ihre facettenreiche expressive Klangsprache besticht, wurde Gabriele Fontana durch ihre Kollegin und Studentin Nina Bernsteiner aufmerksam gemacht, welche Cecilia McDowell persönlich kennengelernt hatte. 

Die Beschreibung "Gesangsprofessorin" ist schlichtweg unzureichend, wenn man Gabriele Fontana bei den Proben mit ihren Studenten erlebt. Denn sie ist gleichzeitig Regisseurin, Sprachcoach, schafft es ihre Schützlinge pointiert zu korrigieren, zu motivieren, an Phrasierung, Farben und Dynamik zu arbeiten und dabei nie die Gesamtwirkung aus den Augen zu verlieren. Sensibel und ermutigend versteht sie die jungen Künstler aufzubauen. „Mach das so und sei überzeugt davon, bitte hab Vertrauen“ hört man sie in der Pause zu einer ihrer Studentinnen sagen“.   

KS Fontana gibt Anweisungen

Zur Seite steht Gabriele Fontana, der ebenso virtuose wie erfahrene Korrepetitor Mag.art. Dieter Paier, der die Sänger musikalisch begleitet und am Klavier mit einer Vielfalt an Stimmungen und musikalischen Bildern beeindruckt.   

Bühnenproben im Schlosstheater

Auch die Schauspieler werden eingewiesen, die Wirkung des Textes in verschiedenen Varianten ausprobiert und mit Unterstützung von Annett Matzke, einer Lehrenden des Max Reinhardt Seminars, in den künstlerischen Gesamtablauf integriert.

Die Aufregung und Konzentration wächst spürbar in Hinblick auf den kommenden Konzertabend.
Das Schönbrunner Schlosstheater diente über Jahrhunderte als Hausbühne der Habsburger. Aber auch Napoleon Bonaparte ließ hier für sich spielen. Einst dirigierten in diesem prachtvollen Theaterjuwel Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart ihre seither unsterblichen Werke und verschiedene Opern von Christoph Willibald Gluck wurden hier erstmals aufgeführt. An diesem Abend jedoch, gehört der historische Raum den jungen Sängern und Schauspielern.  

Es ist soweit. Das mächtige Tor zum Schloss Schönbrunn öffnet sich und Musikliebhaber, Universitätskollegen, Freunde und Familienmitglieder ziehen durch den in Mondlicht getauchten Vorhof des Schlosses hin zum kaiserlichen Theater.
Der Abend wird durch Vivaldis feierliches "Laudamus Te" eröffnet und schon erklingen die Worte Shakespeares, „Die ganze Welt ist Bühne“, beherzt und humorvoll vorgetragen durch den jungen Schweizer Schauspieler Yannick Schöbi.
Jerilyn Chou und Anna-Katharina Tonauer interpretieren beseelt und bewegend Vaughn Williams "It was a lover and his Lass" aus "Wie es Euch gefällt".



Jerilyn Chou und Anna-Katherina Tonauer


Die finnische Sopranistin Meeri Pulakka interpretiert zart und feinsinnig drei Lieder von Schubert, Iva Martincevic gibt strahlend "Flößt, mein Heiland" aus Bachs Weihnachtsoriatorium, während dessen Jerilyn Chous Stimme gleich einem Echo aus dem Hintergrund erklingt. 
Meeri Pulakka

Danach betritt der junge österreichische Bass Florian Köfler für drei Schubertlieder die Bühne, die er mit warmen Timbre und gut geführter Stimme zum Besten gibt. Ihm folgt Nina Bernsteiners versierte und lebhafte Performance einer Auswahl von Korngolds Shakespeare-Vertonungen.

Florian Köfler
 
Nina Bernsteiner

Hamlets Ophelia bestimmt den Beginn des zweiten Teils. Jerilyn Chou singt berührend und mit beachtlicher Klarheit in Aussprache und Ausdruck, die der Figur gewidmeten Lieder von Richard Strauss. Gebannt lauscht das Publikum der jungen Schauspielerin Clara Schulze-Wegener während ihres tragischen Monologs der Gertrud aus Hamlet, die das Ertrinken der jungen Ophelia beschreibt. Mit Cornelius‘ "Komm herbei, komm herbei, Tod!" schließen Iva Martincevic und Anna Katherina Tonauer stimmungsvoll den thematischen Block.

Jerilyn Chou

Gunyong Na begeistert mit kernigem Bariton und perfekter Diktion bei "Dein blaues Auge" und drei weiteren Brahmsliedern. Iva Martincevic gibt anmutig und ausdrucksstark Mahlers "Erinnerung" und "Wer hat dies Liedlein erdacht" aus "Des Knaben Wunderhorn". 

Gunyong Na

Iva Martincevic
 
Das musikalische Finale bilden die vier faszinierend und gleichzeitig rhytmisch und phrasierungstechnisch überaus fordernden Lieder von Cecilia McDowell, spannend und stimmlich briliant gemeistert von der jungen ungarischen Sopranistin Etelka Sellei. Für "What `tis to love" stößt die Querflötistin Kaja Lesnjak hinzu. 

 
Kaja Lesnjak, Dieter Paier und Etelka Sellei
 
Zuletzt springt Puck, dargestellt von der Schauspielerin Nélida Martinez, in die Mitte der Bühne und alle Beteiligten lauschen den letzten Worten aus Shakespeares Sommernachttraum. Pucks Aufforderung zum Beifall beantwortet das Publikum mit großer Begeisterung und heftigem Applaus.  

Pucks Monolog aus dem Sommernachtstraum

Manche der Künstler, sind bereits an mittelgroßen und großen Bühnen im In- und Ausland zu sehen, wie Sopranistin Nina Bernsteiner, die am Vortag gerade ihre Premiere als Polly in der Dreigroschenoper am Theater an der Wien feierte oder Bariton Gunyong Na, der demnächst unter Evelino Pido wieder an der Budapester Staatsoper zu hören ist.
Doch jede und jeder der Sänger begeisterte mit bereits unverkennbar eigenem Stil und einer hart erarbeiteten perfekten Einstudierung anspruchvollsten Repertoires. Kammersängerin Gabriele Fontana, Dieter Paier und alle Beteiligten haben im Schönbrunner Schlosstheater eindrucksvoll bewiesen, dass sich ihre Aufführung dieses überaus stimmigen Programms der Worte Shakespeares würdig erweist: „Hand in hand, with fairy grace, we will sing and bless this place“.   


P. R. Klose, Vienna, January 2016


Weiterführende Links:


Bildnachweise: 
"Schönbrunner Schlosstheater" credit to C. Cossa
"Meeri Pulakka" credit to Kurt Deutsch - RotArt
Alle anderen Bilder: credit to P. R. Klose - K und K Wien